Atlantik Überquerung
Von Brava (Südwestlichste Insel der Kapverden) nach Salvador (Brasilien)
In Mindelo bunkern wir nochmals Frischwaren. Jetzt muss nur noch ausklariert werden. Es ist Freitag nach Mittag, was ein bisschen blöd ist, weil der Typ von der Emigration schon nach Hause gegangen ist. Die Öffnungszeiten des Büros decken sich offensichtlich nicht ganz mit den Bedürfnissen des Beamten. Es bleibt uns also nichts anderes übrig als bis Montag zu warten. Am Montag klappt dann das mit den Papieren doch noch und am nächsten Tag geht's los. André bringt uns noch ein Abschiedsgeschenk, eine Flasche guten Wein und ein Glas selbstgemachte Konfitüre. Manchmal tut es weh, neu gewonnene Freunde zu verlassen, vor allem wenn die Aussicht sich wieder zu treffen sehr gering ist. Mit einem etwas verkrampften Lächeln heisst es, wir sehen uns dann auf Bora Bora. So ist es nun mal, wir sind alle auf Reisen.
Andere Boote hupen und winken, das ist so üblich wenn ein Boot auf lange Reise geht. Dabei gehen wir noch gar nicht auf lange Reise, wir wollen nämlich noch einen Zwischenstop auf Brava (Südwestlichste Insel des Archipels) machen. Dafür gibt es zwei Gründe, erstens soll Brava eine der schönsten Inseln sein und zweitens liegt sie genau auf unserer Route. Dagegen spricht, dass wir das gar nicht dürfen, da wir laut Papieren die Kapverden bereits verlassen haben. Die Papiere mussten wir in Mindelo machen, da dies auf Brava nicht möglich ist. Für Schweizer ist das schon ein Adventure, diese Spezies ist nämlich sehr Behörden hörig. Rolf und Erni nehmen also ihren ganzen Mut zusammen und beschliessen auf Brava in einer Bucht zu ankern wo es keine Behörden gibt. Obwohl sie keine Ahnung haben was die Konsequenzen sein könnten, wenn sie erwischt werden.
Ich will es hier nicht unnötig spannend machen, Spannung bedeutet Stress und Stress ist ungesund. Da eigentlich jeder zivilisiere Mensch (ihr seid doch alle zivilisierte Menschen oder?) dauernd irgendwelchem Stress ausgesetzt ist, will ich die Lage nicht noch verschärfen. Wir werden nicht erwischt.
Brava ist mit 64 Km² die kleinste bewohnte Insel, 7000 Einwohner. Diese Insel ist eigentlich ein Berg der aus dem Wasser ragt, höchster Punkt, Monte de Fountainhas 976m. Es ist eine der grünsten Inseln sogar an der Westküste wachsen Kokospalmen. Auf der ganzen Insel gibt es gutes Trinkwasser. Wir schmeissen unseren Anker an der Westküste, Fajã d'Agua. Im Gegensatz zu Porto do Furuno das an der Ostküste liegt, gibt es hier keine Amtsstellen.

Hier liegen bereits zwei Boote die wir von den Kanaren kennen. Wir bringen in Erfahrung, dass auch diese nach Salvador wollen. Wir liegen also drei Boote die sich bereits kennen, in einer Bucht in der wir alle nicht sein dürften und wollen alle nach Salvador. Beim Abschied von Andre war die Welt unermesslich gross, bei der Ankunft in Brava will sie einem wieder weismachen, dass sie klein ist. Nun ja wenigstens wissen wir, dass sie rund ist, ist von Vorteil, wenn man diese umsegeln will.
Vor der grossen Überfahrt wollen sich die beiden noch mal so richtig die Beine vertreten. Wir fahren mit einem Aluguer in die Hauptstadt, Nova Sintra. Auch dieser Pickup ist hoffnungslos überladen, röchelnd klettert er den Berg hinauf.

Die Sitzverhältnisse sind eng und hart, Rolf versucht sich ganz klein zu machen. Die Einheimischen haben es Sau glatt auf der Fahrt, sie quatschen mit den beiden, und lachen immer wieder los. Natürlich verstehen die beiden kaum ein Wort, entschliessen sich aber einfach auch zu lachen wenn die anderen dies tun. So wie Rolf hier lacht, könnte man meinen er weiss um was es geht, dem ist aber nicht so, ja so ist er nun mal unser Rolfi. Übrigens kommt die Gesellschaft gerade von einer Beerdigung in Fajã d' Agua.

Die
beiden geniessen die lustige Fahrt, das schmerzende Rückgrat
(holprige Strassen, total überladen, kaputte Stossdämpfer)
und die tolle Aussicht.

Dieser Esel hier ist gerade auf dem Weg zum Wasser holen. Die beiden Turis im Aluger kommen ihm gerade recht, er will denen mal klar machen, dass sie sich hier nicht in irgendeiner Provinz befinden, um dies augenscheinlich zu machen, verursacht er einen Verkehrsstau. Dieser Stau hält sich absolut in Grenzen, da er lediglich unser Aluger am weiterfahren hindert, sonst ist weit und breit kein Auto zu sehen, aber immerhin. Die Insassen lachen sich fast kaputt und feuern das Mädchen an den Esel endlich an den Strassenrand zu manövrieren. Das Mädchen selber aber krümmt sich auch vor Lachen, was ihr die Kraft nimmt den Esel in irgend eine Richtung zu steuern. Denn nun trabt das Tier im Zickzack vor uns her mit dem Mädchen im Schlepptau. Schumimässig überholt unser Fahrer den Esel, indem er ihn von der Strasse drängt, wobei unser Aluguer dem Abgrund kurzfristig bedenklich nahe kommt. Wir stellen uns vor wie es wäre wenn bei einem Verkehrsstau in Zürich alle Beteiligten lachen würden. Schnapsidee, Surrealismus, Wunschdenken, Durchgeknallt?

Nach circa ¾ Stunden erreichen wir Nova Sintra, hübscher kleiner Ort. Hier finden wir ein Restaurant mit Internet, ein letztes mal GRIB Files herunterladen. In dem Restaurant sitzen drei Franzosen die wir wiederum schon von Boavista kennen. Ihr Boot liegt an der Ostküste der Insel. An einem anderen Tisch sitzen zwei Männer mit weissen Hemden die wir nicht weiter beachten. Rolf fragt die Franzosen ob sie hier einklariert hätten, nein hätten sie nicht, das sei ganz easy hier. Eben seien doch zwei Männer mit weissen Hemden am Nebentisch gesessen, die hätten sie gefragt ob sie von dem Katamaran seinen der in Porto do Furuna liege, sie hätten dies bejaht, worauf die beiden nichts mehr gesagt hätten. Rolf und Erni nehmen mal an das die zwei weissen Hemden nach dem Mittagessen wieder in ihre Büros gegangen sind und darauf gewartet haben, dass die Franzosen einklarieren kommen. An sowas denken aber Franzosen in den meisten Fällen gar nicht, die haben eine etwas andere Beziehung zu Behörden. Nicht so meine beiden Schweizerlein, ihnen wird dringend bewusst, dass den beiden Beamten klar sein muss, dass sie auch mit einem Schiff hier liegen müssen, ansonsten gibt es hier nämlich keine Touristen. Also warten sie nicht nur auf die Franzosen sondern auch auf die Schweizer. Schluck.... und schon wieder macht sich Behördenangst breit, denn unsere Papiere können wir den weissen Hemden nicht unter die Nase halten, wenn wir keinen Ärger wollen. Rolf lädt die neusten GRIB-Files herunter für die nächsten sieben Tage und dann geht's zu Fuss auf den Heimweg. Auf dem Heimweg bietet sich uns nach allen Seiten wunderbare Aussicht, wir können auch noch einen Blick auf Fogo werfen.

Zuerst
geht's über ein paar Hügel, dann steil hinunter an die
Küste.

Schon
von weitem sehen wir einen grünen Fleck in dem sich ein paar
Häuser verstecken. Erst als wir die Oase erreichen wird
offensichtlich wie viele Hütten sich unter den Bäumen
verstecken.

Mittlerweile hat sich unser Weg im nichts aufgelöst, wir wissen nicht mehr so recht wo's langgeht. Wir fragen eine Frau vor einer Hütte nach dem Weg. Die Frau meint die beiden müssten sich erst mal erholen und bittet sie in ihr Haus. Wir sitzen in der guten Stube, vier Stühle um einen Salontisch und ein Bett viel mehr Platz bietet die Hütte nicht. Die Küche befindet sich draussen. Die Wände bestehen aus rohen Lehmsteinen und zwischen den Ziegel sieht man das Blau des Himmels. Der Fussboden besteht aus weissen Fliesen. Den ärmlichen Verhältnissen zum trotz ist es klinisch sauber. Die Frau stellt den beiden ihre drei Töchter vor und schickt eine zum Mango pflücken, die sie ihren Gästen anbieten will. Ihren Gästen ist jedoch nicht ganz wohl in ihren Haut, erstens hapert es etwas mit der Verständigung und zweitens ist es irgendwie beklemmend von jemandem der wirklich arm ist etwas anzunehmen. Die Frau erzählt von ihrem Leben, der harten Arbeit und das man damit nichts verdiene. Sie klagt über Knie- und Nackenschmerzen. Die Nackenschmerzen kommen von den schweren Lasten die die Frauen ständig auf ihren Köpfen herumtragen, die Knieschmerzen vom unwegsamen Gelände. Die Menschen hier müssen ihre Erzeugnisse alle zu Fuss in die Ortschaft bringen. Sie schaut zwischen den Ziegeln in den Himmel und meint der liebe Gott wird irgendwann jemanden zu ihr schicken der sie nach Amerika holt. Den Traum von Amerika gibt es auch ohne Fernseher, oder vielleicht heutzutage nur noch deswegen. Soll man der Frau nun klar machen, was es heisst in Amerika zu leben? Die Frage erübrigt sich von selbst, die sprachlichen Fähigkeiten der beiden reichen nicht aus, wahrscheinlich würden sie nicht mal ausreichen könnten sie das ganze in ihrer eigenen Sprache erklären.
Wir können noch frisch gepflückte Mangos kaufen, das ist natürlich super für die Überfahrt. Wir nehmen eine Anzahl Mangos und wollen der Frau unsere übrig geblieben Escudos dafür geben, die wir nachher sowieso nicht mehr brauchen können. Die Frau merkt, dass das zuviel Geld ist, sie fängt an Mangos aufzustocken, Rolf und Erni versuchen der Frau klar zu machen, dass sie weder soviel Mangos noch das übrig gebliebene Geld brauchen können. Es handelt sich um circa 2 Euros. Es nützt alles nichts, die Frau besteht darauf, dass soviel Mangos mitgenommen werden wie sie Geld erhält. Mit ziemlich vielen Mangos machen wir uns auf den Heimweg. Die Frau schaut uns traurig nach, vielleicht hat sie uns für die göttlichen Abgesandten gehalten die sie nach Amerika bringen.

Es ist ziemlich spät bis wir wieder auf dem Schiff sind, eigentlich wollten wir morgen los, aber natürlich ist nichts bereit, also übermorgen.
04.05.2006 Auf geht's zur Atlantik Überquerung. Laut GRIB Files werden wir eher viel Wind haben, dafür besteht aber auch die Möglichkeit, dass wir in der ITCZ Wind haben werden.
Für die, dies nicht wissen. ITCZ steht für Intertropical Convergenze Zone. Konvergent Zone der Nördlichen und Südlichen Wettersysteme um den Äquator. ITCZ bezeichnet die Zone wo die zwei Wettersysteme aufeinander treffen. Nördlich des Äquators herrscht vorwiegend Nordost Passat, südlich vorwiegend Südost Passat.

Ebenso
verhält es sich mit den Strömungen.

Die beiden Trade Winds geladen mit Hitze und Feuchtigkeit die aufeinander treffen, sorgen für instabile Wetterverhältnisse, Bewölkung, Gewitter, Regen und wenig bis gar kein Wind. Die ITCZ ist nicht genau definiert, sie hat keine klaren Grenzen, die Zone kann 50 bis 300 Seemeilen breit sein, das ändert sich andauernd. Im allgemeinen kann man aber sagen je östlicher desto schmaler wird sie. Zudem bleibt die Zone auch nicht stationär sie kann weit nach Norden oder Süden wandern, das ganze ist von den Wettesystemen abhängig. Die ITCZ, auch Doldrums genannt, ist nicht immer eine windlose Zone mit ruhiger See, zeitweise gibt es da starke Winde aus allen Richtungen, manchmal Tagelang Regen, furchterregende Gewitter sogar Kugelblitze verspricht man uns da. Super du...... , da können wir uns ja auf was freuen. Irgendwie Lotto diese Zone zu durchsegeln.
Interessant ist noch, dass die ITZC als Fluchtort dienen kann, da sich die Tiefs nördlich im Gegenuhrfzeigersinn drehen und südlich im Uhrzeigersinn, ist es keiner Front möglich die ITCZ zu durchlaufen. Gerät man also nahe der ITCZ in einem Sturm, muss man auf die Zone zuhalten. Das sieht dann so aus.

Anker auf, Segel setzten und ab geht's. Bis wir die ITCZ durchlaufen haben wollen wir einen direkten Kurs nach Süden anlegen. Erstens weil wir die Zone dann möglichst östlich durchlaufen und zweitens weil wir nach der ITCZ Südost- bis Südwind haben werden. Da wir Salvador anlaufen wollen, heisst das wir müssen nach der ITCZ hart an den Wind, wenn wir jetzt schon Höhe vergeben wird es kaum möglich sein, Salvador in einem direkten Kurs anzulaufen.
Kaum sind wir aus der Bucht sehen wir, dass uns der Katamaran folgt. Das dritte Boot wird erst in zwei Tagen starten, so lange dauert der Trick noch, den sie angewandt haben um noch einen Halt auf Brava zu machen. Nein ich sag euch nicht wie der Trick geht, ihr Wundernasen.
Mit dem Katamaran haben wir ausgemacht so lange auf Funkkontakt zu bleiben wie es möglich ist, VHF hat eine Reichweite von circa 30 Seemeilen. Der Katamaran und das Boot das noch in der Bucht liegt, wollen via Kurzwelle miteinander kommunizieren. Sie haben Rolf die Frequenz und die Zeit angegeben, dies soll uns ermöglichen zuzuhören wenn die beiden Wetterinfos austauschen. Mitreden können wir nicht, via Kurzwelle können wir sie aber hören. So wie wir ausgerüstet sind, werden wir unterwegs eher spärliche Wetter Informationen erhalten Die einzige Möglichkeit ist einen Fax über Kurzwelle zu erhalten, diese Wetterkarten sind aber nicht immer einfach zu interpretieren, vor allem, wenn die Interpreten Rolf oder Erni heissen. Die beiden haben schon darüber diskutiert, sich irgend ein Gerät anzuschaffen mit dem sie Zugriff auf Internet haben, Wetterinfos auf langen Überfahrten sind keine schlechte Sache, diesmal müssen wir aber noch ohne auskommen.
Am Abend des gleichen Tages spricht Rolf noch ein letztes mal mit dem Katamaran, danach haben wir keinen Funkkontakt mehr, zum einen ist er weiter östlich gesegelt zum anderen hat er uns vermutlich abgehängt. Scheiss Kat.....! Auch auf Kurzwelle können wir die beiden anderen Schiffe aus einem unerfindlichen Grund nicht hören. Wir sind also alleine auf der Welt.
Die ersten zwei Tage haben wir schönen achterlichen Wind, zwischen 4 und 6 Beaufort, wir kommen gut voran. Aber wie das so ist, viel Wind, bedeutet auch viel Wellen. Diese sind es dann auch die die beiden in den ersten Tagen fordern. Sie geben sich mehr oder weniger die Kojentüre in die Hand und fragen sich wie es möglich ist dass es Crews gibt die sich auf solchen Überfahrten auf die Nerven gehen, wo man sich doch kaum sieht. Die beiden wollen wenigsten zusammen Essen, was sich auch eher schwierig gestaltet, der eine muss gerade nach dem Aufstehen essen, während der andere dann mit vollem Magen ins Bett muss. Die beiden sind es gewohnt Abends warm zu Essen, so ist es Erni die gleich nach dem Aufstehen in die Küche muss. Irgendwie bekommt ihr das aber nicht besonders gut, gleich von der Horizontalen Kopfüber im Kühlschrank oder über dünstenden Zwiebeln und Knoblauch zu hängen. Fluchend hantiert sie mit Pfannen bis Rolf meint was denn los sei. „Ich kotze hier gleich in die Pfannen wenn das so weiter geht“. „Uiii.... das ist aber neu, ist dir etwa schlecht“. „Was glaubst du weswegen ich sonst auf die Idee komme hier in irgendwelche Pfannen zu kotzen“?
Auf langen Überfahrten ist so ein Kühlschrank anfangs vollgestopft bis zum geht nicht mehr. Wie die meisten Kühlschränke auf Schiffen ist auch unser von oben zugänglich, macht Sinn, so kann man bei jeder Schräglage an den Kühlschrank. Blöderweise ist aber nie zuoberst was man gerade braucht. Was dann zur Folge hat, dass man den halben Kühlschrank ausräumen muss wenn man was bestimmtes daraus hervorholen will. Das Problem ist dann immer wohin mit den Sachen die ja gleich wieder im Kühlschrank verschwinden sollen, wenn sonst schon alles im Schiff herum fliegt. Kopfüber im Kühlschrank hängend, Arme und Beine versuchen tastend den herausgenommenen Inhalt des Kühlschranks zu sichern, gleicht Erni einem Tintenfisch der verzweifelt versucht seine Beute zusammenzuhalten, wobei zu erwähnen gilt, dass Muscheln auf dem Meeresgrund bedeutend weniger agil sind als Jogurt, Butter und tote Fische, die jegliche Schwerkraft ignorieren. So entscheidet sich zum Beispiel der tote Fisch mit Butter als Haftgrund an der Wand zu kleben. Klatsch machst und das kleine Kunstwerk ist vollendet, ein Erdbeer-Jogurt sabbert über das dreidimensionale Bild an der Wand. Rolf, Tropf, Frosch und ich suchen einen Namen für das Kunstwerk, es soll “Seegang“ heissen, würde wohl jeden Betrachter in den Wahnsinn treiben, von Kunstkritikern mal ganz abgesehen. Erni kratzt das ganze von der Wand, ja auch Kunst ist vergänglich.
Obwohl Rolf das ganze ziemlich unterhaltsam findet, willigt er ein irgendwann zu essen wenn Erni nicht gerade aus der Horizontalen kommt. Das hilft dann auch. Fluchen tut sie zwar immer noch, aber wenigstens will sie nicht mehr in die Pfanne kotzen, was dem Rest der Crew besonders am Herzen liegt.
Erni rächt sich indem immer Fische anbeissen wenn sich Rolf gerade in der Horizontalen befindet. Fische abmurksen und ausnehmen ist nämlich sein Job. Rolf versucht den Eindruck zu vermitteln, dass ihm das überhaupt nichts ausmacht Er summt ein Liedchen „hmmmm ..♪ ..hmmm.. ♫ hmmm... ♪♫♪. währen er den Fisch von seinen Eingeweiden befreit, aber auch diese kleine Show täuscht nicht darüber hinweg, dass er den Duft einer Tasse Kaffee dem Duft des Fisches vorziehen würde.
Am dritten Tag lässt der Wind nach, der Spi wird gesetzt, dieser bleibt fast 36 Stunden oben. Mittlerweile haben sich die beiden wieder an die nonstop Bewegungen auf See gewöhnt, sie verbringen nicht mehr jede freie Minute im Körbchen. Am fünften Tag haben wir 580 Seemeilen hinter uns, wir befinden uns 05° 44 Nord / 24° 10 Ost, die ersten Squalls beglücken uns.

Wir nehmen an, dass wir uns in der ITCZ befinden. Wir haben den Zeitpunkt unserer Abfahrt so gewählt, dass wir so um Vollmond in der ITCZ sein werden, es ist einfach angenehmer wenn man die Fronten in der Nacht kommen sieht. Und wir sehen sie kommen, trotzdem sind die Dinger schwer abzuschätzen mal ist viel Wind drin mal nicht. Jedenfalls gibt es für die nächsten paar Tage Arbeit, reffen ausreffen, reffen, ausreffen und so weiter. Zwischendrin gibt es auch heftige Schauer, über die wir uns aber freuen, denn je mehr wir uns dem Äquator nähern umso heisser und schwüler wird es, ja wir segeln vom Frühling durch den Sommer in den Herbst. Momentan haben wir gerade für ein paar Tage Sommer. Und ich sage euch dieser kurze Sommer ist heiss. Um etwas abzukühlen, lassen sich die beiden hie und da hinter dem Schiff herziehen, klugerweise immer angebunden. Das abkühlen im 28° warmen Wasser wird aber möglichst kurz gehalten, da wir schon einige Portugiesische Galeeren gesehen haben. Portugiesisch Galeeren gehören zu den Staatsquallen. Genau genommen ist die Galeere nicht einmal eine klassische Qualle, sondern eine schwimmende Kolonie aus einer Vielzahl winziger Einzeltiere, Tausende Polypen mit unterschiedlichsten Aufgaben. Ihr blau-rosa schillerndes Gallertsegel, das gasgefüllt aus dem Wasser ragt, ermöglicht es der Kolonie, wie ein Segelboot vor dem Wind zu segeln. Was unterhalb des Segels ist sieht man nicht, aber man spürt es, sobald man hineingerät. Galeeren ziehen einen Vorhang aus Tentakeln hinter sich her, die über zehn Meter lang werden kann, bestückt mit Hunderttausenden winziger, fühlerbesetzter Nesselzellen. Aufbau und Funktion dieser Zellen stellen eine Meisterleistung der Evolution dar, ein Hocheffizientes Waffenarsenal. Jede Zelle birgt in ihrem Inneren eine Kapsel mit einem zusammengerollten Schlauch, der in einer Harpunengleichen Spitze mündet, nach innen gestülpt wie der Finger eines Handschuhs. Die leichteste Berührung setzt den Vorgang in Gang. Im Moment, da der Fühler den Kontakt registriert entrollt sich der Schlauch und schiesst mit hohem Druck hervor. Tausende der widerhakenbesetzten Harpunen durchschlagen die Körperwand des Opfers wie subkutane Spritzen und injizieren ein Gemisch aus verschieden Eiweissen und Proteinen, das gleichzeitig Blutkörperchen und Nervenzellen angreift. Die Folge ist eine sofortige Kontraktion der Muskulatur. Schmerzen wie bei Verbrennungen, Schockzustand, Atemstillstand, dann Herzversagen. Nicht immer endet eine Berührung mit diesen faszinierenden Tierchen tödlich, das ist ganz davon abhängig wieviel man von den Proteinen und Eiweissen injiziert bekommt. Jedoch soll schon die kleinste Berührung sehr schmerzhaft sein. Diese Infos nehmen sich die beiden zu Herzen, der eine geht kurz ins Wasser währen der andere Ausschau nach den blau-rosa Seglen hält. Bei dieser Hitze kann man auch schlecht schlafen, das ganze geht also wieder so ein bisschen an die Substanz.
Am achten Tag ist es vorbei mit den Squalls und wir bekommen Südostwind. Scheint als hätten wir die ITCZ ohne allzuviel Ärger durchlaufen. 841 SM, Position 02°14 Nord / 24°44 Ost. Wir hatten wohl Glück, zwar waren immer wieder Squalls da, aber keine Gewitter, wir haben nur einmal in der Nacht Wetterleuchten gesehen. Auch der Wind war uns gnädig, wir hatten nur während 10 Stunden so wenig Wind, dass wir motoren mussten, hätte eben so gut sein können, dass wir während Tagen auf den Motor angewiesen sind. Ab jetzt geht es härter an den Wind.
Am 12.05, 08.28h haben wir den Äquator erreicht, 990 SM Position 0° 00, W 25° 51

„He
schaut mal wir sind am Äquator“.

„Hmmm.... ja, kommt aber dem was wir bis jetzt gesehen haben verdächtig nahe, Wasser und Himmel, so richtig sehen tut man das nicht, dass wir am Äquator sind“.

Nein eigentlich nicht, aber wir werden spüren, dass wir ab jetzt in den Herbst segeln. Wenn man über den Äquator segelt muss man sowas wie eine Äquatortaufe machen, leider hat wieder mal niemand an Bord eine Ahnung wie das geht. Rolf beschliesst ganz einfach ein Bier zu trinken, Erni die wieder mal gerade aus der Koje kommt, denkt eher an eine Tasse Kaffee. An diesem Abend gibt es dann aber einen Sonnenuntergang der uns in Erinnerung bleiben wird.

Bis zum elften Tag sorgt das Wetter für Abwechslung, mal mehr mal weniger Wind, wir bleiben aber immer möglichst hart am Wind, nur keine Höhe verschenken. Dann gibt's eins auf's Dach, der Wind dreht südlicher und nimmt zu, und zwar so, dass es ziemlich ungemütlich wird. Wolken, Regen tiefschwarze Nacht, hart am Wind kämpft sich Xantus durch die Wellen, zum Glück haben wir noch die Fenster abgedichtet bevor wir losfuhren, sonst wär's hier drin jetzt ziemlich feucht fröhlich. Draussen ist es das jedenfalls, die beiden halten kaum noch die Nase raus. Die Sicht ist schlecht, ein Frachter der sich bis auf drei Seemeilen nähert, ist von Auge nicht zu sehen. Die beiden sitzen abwechseln gemütlich vor dem Radar, gemütlich ist vielleicht nicht das passende Wort, es ist eher so, dass sie versuchen irgendwie auf dem Hocker vor dem Navitisch zu bleiben und glotzen auf den Radar. Es ist schon ein etwas beängstigendes Gefühl, nur mit Sicht auf einen Bildschirm durch die tiefschwarze Nacht zu segeln. Das heulen des Windes und die Geräusche die entstehen wenn Wellen übers Deck klatschen oder das Schiff mit dem Bug in ein Wellental knallt, sorgen auch nicht gerade für mehr Vertrauen. Die Geräuschkulisse lässt einem die Nackenhaare abstehen. Der Radar sieht bei solchem Wetter bedeutend mehr als das Auge, man sieht auch die Squalls kommen, das heisst was man sieht ist der Regen der sich darin befindet, meistens heisst das auch viel Wind, aber eben nicht immer.
Nach einem Tag in diesen tollen Verhältnissen sichten wir einen Frachter, Rolf funkt diesen an und bittet um Wetter Informationen. Die bekommen wir auch, nur gefallen sie uns nicht. Es soll für die nächsten zwei Tage so bleiben. Schon nach 24 Stunden in diesen beschissenen Verhältnissen sind die beiden ziemlich kaputt und das ganze soll also noch 48 Stunden so weitergehen, au Backe. Die Wachen werden nun wieder auf 4 Stunden gehalten. Bei ruhigerem Wetter lässt der eine den anderen schon mal länger schlafen, bei diesem Wetter aber, ist jeder froh, wenn er sich nach 4 Stunden hinlegen kann. Schlafen kann man kaum, aber wenigsten braucht man beim liegen nicht die ganze Kraft um in der Vertikalen zu bleiben.
Nach einem weiteren Tag lässt der Wind nach, die Richtung bleibt Süd, was uns zwingt weiterhin hart ran zu gehen. Wir können aber immer noch einen direkten Kurs halten. So bleibt es dann auch bis einige Seemeilen vor unserem Ziel, die letzten 18 Stunden müssen wir noch Motoren.
Vor der Küste kommt uns ein Segelboot entgegen, „sag mal, das Boot das kennen wir doch oder“? Na klar, das sind Claudia und Lino! Kaum zu fassen, das erste Segelboot das wir nach 17 Tagen auf hoher See sehen, ist ein Schiff das wir kennen. Natürlich sofort anfunken. Die Überraschung ist gross. Claudia gibt uns Infos über Salvador, sie haben die letzten drei Monate hier verbracht. Sie meint wir hätten Glück, dass die Sonne scheint, in den letzten drei Monaten hätte es nur geregnet, es sei nämlich Regenzeit. Sie schildert uns auch wie es geregnet hat, in Strömen und das tagelang. Oha... das in Brasilien Herbst ist haben wir mitbekommen, wir haben auch gelesen, dass die meisten Jachten Brasilien im Herbst/Winter besuchen, weil es sonst zu heiss ist. Das mit der Regenzeit kommt uns irgendwie bekannt vor, uns war aber offensichtlich nicht ganz klar was das heisst. Nun ja muss ja nicht heissen wenn es die letzten drei Monate pausenlos geregnet hat, dass es dies die nächsten drei auch tut.
Wir nähern uns Salvador.

Nur noch ein paar Stunden und wir können den Anker schmeissen. Diese Aussicht bringt uns in Hochstimmung auch wenn der Anblick einer Grossstadt nach den Kapverden eher etwas schwer verdaulich ist.
Die rote Linie zeigt unsere gesegelte Strecke.

Nach 17 ½ Tagen haben wir unser Ziel erreicht. Wir haben 2136 Seemeilen zurückgelegt, davon 122 SM unter Motor. Luftlinie Brava - Salvador 1856 Seemeilen, Luftlinie der einzelnen Tagesetappen zusammengerechnet (Kurs den wir halten wollten) 2036 SM. Somit haben wir also zusätzlich 100 Seemeilen durch Schlangenlinien und Winddreher gemacht, alles in allem kein schlechter Schnitt.

Hier schmeissen wir unseren Anker. Gar nicht so übel hier. Grossstädte sind uns ein gräuel, aber hier liegt es sich gar nicht so schlecht.
Wir haben erwartet, dass der Katamaran bereits hier liegt, dem ist aber nicht so, er kommt erst drei Tage später. Einen Katamarn um drei Tage abhängen, das ist doch wohl nicht schlecht oder? Allerdings gilt zu sagen, dass es sich um ein etwas älteres Modell handelt und wie fast jeder Farhtenkat überladen. Auch konnten oder wollten sie nicht so hart an den Wind, so haben sie die Küste Brasiliens an der Nordost Spitze erreicht und mussten sich der Küste nach Richtung Süden kämpfen. Somit haben sie natürlich auch mehr Seemeilen zurückgelegt. „Scheissegal, wir waren schneller“. Das Schiff, das zwei Tage nach uns gestartet ist, kommt 8 Tage später an. Sie hatten weniger Wind, dafür war ihre Überfahrt um einiges gemütlicher als unsere, „ Scheissegal wir waren schneller“. Wir werden wohl einige Tage vor der Stadt bleiben müssen, es gibt einiges zu tun. Einklarieren, Einkaufen und die Genua reparieren lassen, diese hat in den Teils doch starken Winden etwas gelitten, „Scheissegal wir waren schneller “
Die beiden sind froh wieder mal festen Boden unter den Füssen zu haben.
