Grau du Roi
02.12.2004 Hier sind wir also wieder. Nach 15 Monaten ist das Schiff wieder auf der Werft, wo es so lange gelegen hat. Uebrigens ist Xantus eines der wenigen Schiffe die unter Schweizerflagge fahren, die jemals ihren Heimathafen gesehen haben, und nicht nur das, auch das Kieswerk von Volketswil kennt Xantus ziemlich gut.
Hier auf der Werft sollen noch die restlichen Arbeiten gemacht werden. Wanten ersetzten, Mast überarbeiten und stellen, Sprayhood, Bügel mit Solarpanell montieren, das heisst wieder Kabel verlegen, in der Naviecke muss noch einiges eingebaut werden, Windsteuerung und Autohelm montieren und noch viele kleine Arbeiten. Mit ihrer optimistischen Einstellung, sind Rolf und Erni der Meinung, dass sie anfangs Jahr dann weiter Richtung Süden reisen können. Ich glaube da waren sogar Ideen wie im Frühling 2005 den Atlantik zu überqueren. Auch diesmal verrutscht der Zeitplan wieder etwas, falls überhaupt von Plan die Rede sein kann, manchmal hab ich das Gefühl die beiden plappern einfach etwas vor sich hin und wenn's anderst kommt ist auch nicht so schlimm. Und es kommt anderst. Die Arbeiten gehen nur mühsam voran, meine Kumpels haben problemlos die südliche Arbeitsweise übernommen. Morgens spät raus, lange Frühstücken, hier und da ein Schwätzchen mit anderen Bootis. Manchmal hab ich das Gefühl dass das Tagestotal eigentlich nur Werkzeug aus-und wieder einpacken ist. Ja, sind eben anpassungsfähig meine beiden Kumpels. Nicht bei allem aber sowas haben sie ziemlich schnell raus, und das so gründlich das von Anfangs Jahr schlussendlich Ende April wird. Gut ich muss zugeben das da noch einige Schwierigkeiten hinzukamen, natürlich war es mehr Arbeit als angenommen und seit Anfangs Januar blies der Mistral ununterbrochen sechs Wochen lang und dies mit bis zu 10 Beaufort. Danach gab's dann zwischen drin ein paar mildere Tage aber an sonsten non stop Mistral. Da die noch zu machenden Arbeiten sozusagen alle ausserhalb des Schiffes waren, haben sich die zwei ganz schön den Arsch abgefrohren, manchmal taten sie mir sogar Leid. Es ist sogar vorgekommen, das am Morgen Eisschollen am Schiff vorbeischwammen. Und wieder Kondenswasser ohne Ende, die neu lackierten Fensterrahmen rotteten nur so vor sich hin. Die Vorstellung vom Winter im Mittelmeer war etwas anderst, aber auch Einheimische meinten, dass das ein ungewöhnlich kalter Winter sei. Der Elektroofen lief nonstop.
Die Unordnung auf Spano's Werft imponiert den beiden, wie könnte es auch anders sein. Es ist keine dieser geschniegelten Werften wo die Boote in Reih und Glied stehen. Die Werft ist vollgestopft mit Booten die irgendwie Kreuz und quer stehen.

Der
Werftbesitzer, Spano, ist auch eine spezielle Nummer, so eine
Mischung aus Jean Paul Belmondo und Loui de Fune. Wenn Spano mit
seinem Kran arbeitet sieht man besser nicht hin, vorallem wenn daran
das eigene Boot hängt. Es ist immer
alles ein furchtbares Geschrei, mindestens
drei verschiedene Leute geben verschiedene Zeichen wie er den Kran zu
steuern hat, der eine dreht mit dem Zeigefinger
nach oben, während der andere mit dem Zeigefinger nach unten
dreht.

Aber irgendwie findet Spano immer heraus welche Information die Richtige ist, obwohl er überhaupt nicht sehen kann wo das Teil das an seinem Kran hängt landen soll. So ging es auch mit unserem Mast. Spano hat Rolf einen Platz gezeigt den er Vorbereiten soll um den Mast da auf Fässer zu legen. Rolf kommt zurück und meint, “Ich habe den mir zugewiesenen Platz zwar vorbereitet, aber keine Ahnung wie der Typ mit seinem Kran da hinkommen soll. Eigentlich UNMOEGLICH. Spano kommt mit seinem Gehilfen, er setzt sich in seinen Kran, der Mast wird befestigt und schon bald schwebt er gefährlich in der Luft. Der 16 Meter Mast pendelt zwischen den Riggs der Boote die am Land stehen und sucht sich so seinen Platz an Land. Natürlich sieht Spano auch diesmal den Landeplatz nicht, es stehen drei Boote dazwischen und mit seinem Kran kann er den Mast nicht so Hoch heben dass er über die Riggs hinweg kommt, er macht mit dem 16 Meter Mast Slalom zwischen den Riggs. Auch hier viele hilfsbereite Menschen die herumgestikulieren, und Versuchen Spano Informationen zuzubrüllen. Wie gesagt jeder etwas anderes, da jeder an einem Anderen Ort steht und die Sachlage anderst interpretiert. Ich denke die Kunst die Spano beherrscht ist, die Person herauszufinden die in der jeweiligen Situation den Richtigen Standort hat. Total Spannend.
Viel Zeit hat Rolf auch in andere Boote investiert. Segler die auch hier überwintern, und Selbstbauer die ihre Boote fertigstellen, ziehen nutzen aus Rolf's Elektronik Kenntnissen. Diese Selbstbauer können meist alles, aber mit Elektronik tun sich die meisten etwas schwer. So nehmen sie Rolf's Hilfe gerne in Anspruch.
Irgendwann erhält er sogar den Nahmen Kamikaze Bastler, und dies nur weil er Jacques gesagt hat er soll ein Kabel durchschneiden von dem ausdrücklich gesagt wird, das es nicht durchgeschnitten werden soll. Es gibt dann einige Diskussionen, Jacques tut's dann doch, er hat nämlich keine andere Wahl, der Stecker passt nicht durchs Loch. Nachdem Rolf dann den Stecker wieder angelötet hat, funktioniert auch alles. Der Kamikaze Bastler hatte recht. Es wird in Naturalien bezahlt, von Chantal bekommen sie massig Kuchen, den sie in ihrem Hightech Ofen macht, der auch hie und da von Rolf geflickt werden muss. Der Ofen von Chantal hat erste Prio, wegen dem Kuchen natürlich. Von Chantal giebt's auch zwei handgemalte Teller, sie hat nämlich einen Porzellanofen auf dem Schiff, Heizleistung 800Grad, was man so alles auf einem Schiff mitnehmen kann. Ja die Porzellanteller, mit Widmung und Name drauf, ich möchte dazu nur sagen das Erni das Geschirr das sie zu Hause hatten alles ins Brokenhaus gegeben hat, auf's Schiff kamen nur Plastikteller. Und jetzt zwei wunderschöne Porzelanteller, ich konnt nicht mehr vor lachen.
Chantal sorgt auch dafür, das die beiden wieder mal Duschen können. Sie ist durch Bekannte, vorübergehend, an einen Schlüssel der Duschen von Port Camarque gekommen. Sie kommt vom Einkaufen zurück, das Velo ist schwer beladen, vom Quai aus ruft sie den beiden und Edgard zu ob sie Lust zum Duschen haben. Duschen wie, wo was? Chantal schwenckt verheissungsvoll mit dem Schlüssel. Die Freude ist riesig. Am meisten freut sich Chantal, dass sie mit dem Schlüssel so grosse Freude bereiten kann. Vor lauter Freude kippt sie dann auch ihren ganzen Einkauf ins Hafenbecken. Beim herum gestikulieren kippt ihr Velo das nahe beim Wasser steht und die Körbchen entleeren sich ins Hafenbecken. Fröhlich schwimmt alles mögliche in der Brühe. Einen wirklich traurigen Eindruck machen die zwei Rhumtörtchen. Das Gespött ist natürlich Riesen gross. Chantal trägt's mit Fassung, es gibt wichtigeres im Leben, zum Beispiel das andere Leute warm Duschen können. So kommt es das die beiden mit Edgard ein bis zweimal in der Woche einen Duschausflug machen. Edgard ist Belgier und hat sein Auto hier. Er baut hier sein Schiff um. Und nach dem Duschen läuft natürlich gar nichts mehr. Man geht auf einen Pastis, und konzentriert sich darauf möglichst nicht mehr schmutzig zu werden, also auf gar keinen Fall zu Arbeiten.
Da der Duschausflug am Frühen Nachmittag stattfindet ist also jedesmal ein halber Tag gelaufen. Aber es lohnt sich einen Nachmittag mit Edgard zu verbringen, sein trockener Humor ist unvergleichlich.
Silvester wir bei Edgard gefeiert. Es werden Meeresfrüchte Platten bestellt. Ich weiss nicht was den beiden mehr missfällt, all die schlabbrigen Sachen die auf der Platte liegen, oder der Haufen Eis darunter.

Ich
glaube es war der Haufen Eis darunter. Auf Edgard's Schiff ist es so
schon Kalt und wenn jeder noch ein paar Kilo Eis vor sich hat, wird's
auch nicht wärmer. Erni meint so ne heisse Gulachsuppe wär
jetzt doch auch was. Mit genug Alkohol hat's dann doch noch
geschmeckt.
Das ist Gerard

Nein,
nein das ist kein Herumtreiber. Gerard ist stolzer Besitzer eines 20
Meter Segelbootes, das er selbst gebaut
hat. Er hat das Schiff via Rhone von Lyon
hierher gebracht, wo er auch noch die letzten Arbeiten machen will.
So ein bisschen schmutzig sieht Gerard nur aus weil die Farbe seines
Unterwassers nicht gehalten hat. Seit vierzehn Tagen schleift
Gerard die bröckelnde Farbe von seinem Riesen Schiff. Ja kleines
Boot kleine Sorgen, grosses Boot grosse Sorgen. Alle haben Mitleid
mit ihm, aber keiner Hilft ihm, denn das ist wirklich
ein Scheiss Job. Nun ja nach ein paar Wochen ist dann die Farbe weg.
Seinem Outfit bleibt er aber weiterhin treu, es ist zwar nicht mehr
ganz so dreckig, aber immer noch so zerlumpt. Er geht auch jeden
Morgen, so in die gleiche Bar, einen Kaffee trinken. Eines Morgens
kommt Gerard freudig mit einem neuen T-Shirt, das ihm der Wirt
geschenkt hat zurück. Sein Schiff RoKaLo II und Xantus
profitieren gegenseitig. Auf RoKaLo II wird
Elektronik installiert und auf Xantus wird
geschweisst. Beim arbeiten auf RoKaLo II findet Rolf in jedem
Stauraum Weinflaschen. „Sag mal Gerard wieviele Weinflaschen
hast du eigentlich an Bord?“ „Na ja so ca. tausend.“
Verblüfftes schweigen. Gerard ist kein Alki, er isst gerne gut
und dazu gehört auch die richtige Flasche Wein. Davon
profitieren auch die beiden. Er kocht auch noch gerne und gut, und
der Käse nach dem Essen darf niemals fehlen. Seine Küche
ist dann auch dementsprechend eingerichtet. Alles Profi
Geräte, unter anderem eine Geschirrspülmaschine die 500
Teller in der Stunde schafft. Uebrigens im Bug befindet sich die
Waschküche, Waschmaschine Tumbler alles da. Erni darf da auch
mal Wäsche machen. Als Gegenleistung bezieht Gerard nach jedem
Mittagessen einen Kaffee auf Xantus. Da
Xantus jetzt nicht mehr auf der Werft liegt, sondern gegenüber
im Hafen wird Gerard auf sein Pfeifen mit
dem Dingi abgeholt.

Die
Schiffe liegen zwar nur Spuckweite auseinander, aber nimmt man den
Landweg ist man schon so 20 Minuten unterwegs. Auch diese
Alltäglichen Kaffeepausen kosten Zeit, aber sie habens immer
lustig. Es gibt auch immer mehr Leute die sich Gerard anschliessen
und Kaffee auf Xantus nehmen. So vergeht die Zeit schnell. Mit
loskommen ist bei den momentanen Wetterverhältnissen sowieso
nichts, und es macht Spass hier. Das mit dem Atlantik überqueren
im Frühling 2005 ist gestorben. Na ja man kann sich ja auch noch
das Mittelmeer anschauen, bis wieder Zeit ist für Überquerungen.
Dann war da noch der grosse Tag an dem Die Torros durch die Strassen getrieben wurden.

Die Torros werden in La grande Motte freigelassen, dort rennen sie den Strand hinunter, bis sie von den Reitern wieder eingefangen werden. Die Torros werden mit den Pferden Gruppenweise eingekreist. Von vorne sieht das so aus

und von hinten so

Die
Jungs versuchen einen Torro am Schwanz aus der Gruppe zu reissen, das
ist so Brauch hier. Jacques der hier aufgewachsen ist meint das seien
nur zaghafte versuche, zu seiner Zeit sei da einiges mehr riskiert
worden. Da hätte der Torro auch noch auf den Boden geworfen
werden müssen. Ja die heutige Jugend, nichts mehr los meint er.
Und tatsächlich sehen wir auch nur ein einziges mal, wie sie es
schaffen eines der Tiere aus der Gruppe zu reissen. Offensichtlich
stinkt das aber dem Torro gewaltig, und er versteckt sich rasch
möglichst wieder zwischen den anderen. Man hat sowieso eher das
Gefühl die Torros verstecken sich zwischen den Pferden, als das
man der Meinung ist die Pferde halten die Torros sozusagen gefangen.
Auf jeden Fall ein Fest. Xantus liegt gleich bei der Strasse des
Geschehens, so liegt es auch nahe, dass man auf Xantus geht um sich
Aufzuwärmen, denn wieder mal Bläst der Mistral.
Es ist kalt auch Nadia das Hündchen von Claude und Chantal friert.

Das
Aufwärmen dauert und danach muss man noch auf RoKaLo II, da
steht nämlich noch ein Cognac Fässchen für besondere
Anlässe und ein solcher ist Heute, wird gerade bestimmt.

Trotz allem sind sie dann am 23.03.2005 bereit fürs Probesegeln. Heute ist der richtige Tag, zwar kalt, aber angenehme Windverhältnisse, wenigstens am Anfang. Dann gehts ganz schön zur Sache, es kommt immer mehr Wind auf. Xantus bekommt soviel Schräglage, das mein Aussichts Fenster völlig unter Wasser steht.
So sah das aus, ich kann euch sagen, mir wars nicht mehr ganz wohl.

Mein Freund Tropf, der einen Wassertropfen darstellt, in Plüsch gefertigt, bekommt beim Anblick des Wassers das am Fenster vorbei strömt gleich eine Existenzkrise, nun ja ich kann ihm nicht helfen, als Plüschfisch ist das ja auch nicht so einfach.
An Deck scheint aber alles in Ordnung zu sein, zwar sind die beiden klatsch nass, aber es scheint Spass zu machen. Wenigstens Kurzfristig. Bei der nächsten Brückenöffnung gehts dann aber doch wieder in den Hafen. Es Herrscht allgemeine Zufriedenheit, Xantus hat alles gezeigt was er kann.